|
Das zweite Major-Label-Album des US-Quartetts warf lange Schatten vorraus. Die Vorab-Single "Not Falling" tauchte auf dem Soundtrack zum Horrorfilm "Ghost Ship" auf und sorgte für die nötige Neugier, die am 19. November 2002 auch befriedigt wurde. Das Album wurde sowohl in der normalen Version als auch in einer limitierten Special-Edition mit Bonus-DVD veröffentlicht. Ich berichte hier von der Special Edition.
Der Opener "Silenced" beginnt mit einem etwas ungewöhnlichen Gitarreneffekt und legt dann ungewöhnlich straight und treibend los. Man ist erst einmal an den Mudvayne-Klassiker "Dig" erinnert, das ähnlich unvermittelt auf Fresse geht. Der Track handelt von Zensur, und Frontmann Chad hat auch die dazu passende Wut im Bauch. "Middle finger is the flag that I wave when I'm silenced!" sagt wohl alles aus, was Mudvayne über Zensur denken. Der Song ist energiegeladen bis in den letzten Ton und hört mitten im Refrain genauso plötzlich auf wie er begonnen hat. "Trapped In The Wake Of A Dream" ist nicht nur der längste Songtitel des Albums, sondern bringt auch eine extrem ungewöhnliche Rhythmusstruktur mit, die ich bis heute nicht richtig verstanden habe. Meshuggah lassen grüßen... Chad startet seinen Einsatz hier mit einer sehr gefühlvollen Gesangslinie, die ein ähnliches Feeling aufweist wie einst "Cradle". Im Refrain bricht der Gray'sche Vulkan dann wieder los, und begleitet vom sägenden Soundkostüm der Herren Martinie und Tribett (die auf dieser Scheibe übrigens dem allgemeinen Trend entsprechend runtergestimmt haben). Dennoch wird bereits jetzt klar, dass Mudvayne sich verändert, sich entwickelt haben. "L.D. 50" fiel vor allem durch seine Komplexität und Experimentierfreudigkeit auf. "The End Of All Things To Come" kommt klarer, erwachsener und sogar eine Spur düsterer daher. Dieser Eindruck setzt sich auch beim zentralen Song des Albums fort. "Not Falling" schaltet vom schrägen Rhythmus des vorherigen Tracks auf normale 4/4-Takte zurück und hat wahren Hymnen-Charakter. Was anfangs ein wenig poppig klingt, entwickelt sich zu einem wahren Musik-Juwel, bei dem vor allem Chad Gray mal wieder glänzt. Ich bin immer wieder aufs neue fasziniert, mit welcher Hingabe dieser Mann seinen "Job" erledigt. Denn auch wenn "Not Falling" niemals auf ein Album wie "L.D. 50" gepasst hätte, so steht es dieser Platte in Sachen Mitreiß-Faktor in nichts nach. Spätestens nach diesem Album hat man also erst einmal ein breites Grinsen im Gesicht. Doch zumindest von der Atmosphäre her könnte "(Per)version Of A Truth" dieses Grinsen verregnen. Ein ruhiger Midtempo-Knaller, der nicht nur die Ehrlichkeit dieser Welt hinterfragt, sondern auch aus musikalischer Sicht genial ist. Das Ryan Martinie ein großartiger Bassist ist, wird hier (wieder einmal) mehr als deutlich. "Mercy, Severity" ist wieder etwas schneller und auch fröhlicher, aber passt voll und ganz auf diese CD. Hier könnte einer der Live-Kracher der nächsten Mudvayne-Shows versteckt sein. Und dann heißt es festhalten. Nicht weil Mudvayne jetzt das Gaspedal voll durchdrücken, nein. Ganz im Gegenteil. "World So Cold" ist wohl die erste Vollblut-Ballade der Band, und als solche mehr als gelungen. Chad singt von der Kälte einer Welt, in der er früh allein gelassen wurde und in der auch er sein Sohn allein ließ. Der Song ist sehr persönlich, aber über allem hängt eine allgemeine Wahrheit. Mich jedenfalls hat der Song mal wieder zu Tränen gerührt (wie schaffen Mudvayne das nur immer?), und live ist er in Verbindung mit "Cradle oder "Nothing To Gein" vom Debüt ein emotionaler Overkill. "The Patient Mental" gehört zu meinen persönlichen Lieblingssongs auf "The End Of All Things To Come". Textlich ein Selbstgespräch, wechselt der Song rasch zwischen ruhigen schnellen Passagen und geht gut ins Blut. Dasselbe gilt für "Skrying", den wohl mysteriösesten Song des Albums (von "12:97:24:99" einmal abgesehen, doch dazu später). Chad Gray vergrößert sein stimmlich Spektrum noch einmal auf einen kalten und monotonen Gesang, der fast schon beängstigend ist. "Solve Et Coagula" und Shadow Of A Man" sind dann die zwei schwächsten Tracks des Albums, würden aber auf vielen anderen CDs als absolute Diamanten hervorstechen. "Solve Et Coagula" ist ein rasantes und kurzes Stück Nu-Metal mit Soulfly-ähnlichem Text, und "Shadow Of A Man" nimmt sich mit Zitaten aus Schneewittchen und anderen Märchen selbst zwar nicht ganz so ernst, ist aber durchaus interessant. Was genau Mudvayne mit der nun folgenden 11 Sekunden langen Stille mit Namen "12:97:24:99" bezwecken wollen, wird wohl ewig ein Rätsel bleiben. Allerdings steht im Textbooklet (das glücklicherweise alle Lyrics mitliefert) zu diesem Song ein hebräischer Text, der nach einer angemessenen Übersetzung (zu der ich nicht fähig bin) vielleicht etwas Licht ins Dunkel bringt. Der Titeltrack ist ähnlich kompromisslos wie "Silenced" und bildet die Speerspitze des Albums, wenn es um Härte geht. Mit "A Key To Nothing" nimmt man zum Schluss noch einmal das Tempo etwas heraus, liefert aber gleichzeitig ein äußerst starkes und melodiöses Stück ab. Zusammengefasst haben Mudvayne hier einen wirklich hochkarätigen Nachfolger produziert, der "L.D. 50" zwar in Sachen Kreativität und Atmosphäre nicht das Wasser reichen kann, aber für sich genommen ein absolutes Highlight und somit mehr als empfehlenswert ist. Und da es ja fast schon Mode ist, zu jedem neuen Album eine Bonus-DVD zu produzieren, wird man auch hier nicht enttäuscht. Allerdings fällt auch der Inhalt nicht wirklich aus dem Rahmen. Die obligatorischen Aufnahmen aus dem Studio, ein Interview, Bilder vom Foto-Shooting... das einzige etwas ausgefallenere sind Bilder von der Freizeitgestaltung der Bandmitglieder. Das gesamte Material ist zwar nett anzusehen, aber eigentlich recht mau. Der eigentlich interessante Teil dieser DVD sind die beiden unglaublichen Bonus-Tracks "Goodbye" und "On The Move". Der eine ist eine sehr sphärische und verzweifelte Ballade ("Goodbye"), der andere ein treibender Killer-Song voller Energie ("On The Move"), bei dem vor allem Bass-Genie Martinie noch einmal alle Reserven mobilisiert. Es ist eine Schande, dass diese Songs nicht auf der eigentlichen CD sind! Das diese CD absolut empfehlenswert ist, braucht man fast nicht mehr zu erwähnen. Bleibt die Frage, ob sich die Investition in die Special-Edition lohnt (bei Erscheinen kostete diese 2 EUR mehr, aktuelle Preise sind mir nicht bekannt). Wer sich nicht als Mudvayne-Fan bezeichnet, sondern vor allem die Band kennenlernen will, sollte sich mit der normalen Ausgabe zufriedengeben. Wer allerdings nicht genug bekommen kann von dieser Band (so wie ich), sollte durchaus über die limitierte Auflage nachdenken. Denn allein die zwei Bonustracks sind für den Kenner jeden Cent wert! |