L.D. 50 - Review (von DeNNiS für MuDvAyNe-online)
Wo soll ich nur anfangen... als Mudvayne im Jahr 2000 ihr Major-Debüt "L.D. 50" veröffentlichten, waren die Jungs kaum über die Grenzen Illinois heraus bekannt. Doch diese Scheibe trat eine Lawine der Begeisterung los, und das vollkommen zurecht. Mich erreichte ihre Musik das erste Mal 2001 in Form des VMA-prämierten Musikvideos zu "Dig". Meine erste Begeisterung bezog sich damals vorrangig auf den unglaublichen Druck des Songs und die sehr kranken Outfits der Band Mitglieder Chad Gray (aka. Kud, Vocals), Ryan Martinie (aka. Ryknow, Bass), Matt McDonough (aka. sPuG, Drums) und Greg Tribett (aka. Gurrg, Gitarre). Doch der Kauf des Albums sollte schließlich dafür sorgen, dass sich Mudvayne von einer Kuriosität im Musikbusiness zu meiner unangefochtenen Lieblingsband entwickelten...

Seltsame Geräusche eröffnen das Album, wirre Gesprächsfetzen über Gentechnik und Vererbungstheorien. Das Intro "Monolith" erzeugt eine äußerst mysteriöse Stimmung und sampelt ganz nebenbei auch noch den Filmklassiker "2001: A Space Odyssey" (eine Verbindung, die auch später immer wieder auftaucht). Mit einem brutalen Bassintro beginnt dann völlig übergangslos "Dig", bis heute wohl der bekannteste Song der Band. Und leider auch mit der Grund, dass viele Mudvayne immer noch für einen Slipknot-Klon halten. Denn die Parallelen zu den Kollegen aus Iowa lassen sich hier kaum leugnen. Aggressives Soundkostüm, abwechselnd gebrüllte und gerappte Texte und absolut keine Verschnaufpause.

Wie unrepräsentativ dieser Song für den eigentlichen Sound der Band ist, wird bereits beim folgenden Stück "Internal Primates Forever" klar. Zwar geht es stimmlich auch hier wieder sehr rau zu, aber die geradlinige und klare Soundstruktur eines "Dig" ist vergessen. "Internal Primates Forever" ist 4-einhalb Minuten geballte Abwechslung, es wiederholt sich nicht ein Part. Doch die eigentliche Stärke Mudvaynes entfaltet sich erst in "-1" (sprich: Negative One). Die Melodie... Chad Gray lässt das erste Mal seiner hervorragenden Singstimme freien Lauf. Die Energie und Hingabe, die dahinter steckt, wird niemand unberührt lassen, der sich diesen Song ernsthaft anhört. Eine Regel die für beinahe alle Tracks der "L.D. 50" gilt. Denn erst wer genau zuhört, wird die mannigfaltigen Details an dieser Band entdecken: die sehr persönlichen Lyrics, die einfache nur unglaublichen Bassläufe (für mich ist Ryan einer der besten Bassisten überhaupt!) und das feine Rhytmusgefühl der Band.

"Death Blooms" zieht zwar das Tempo wieder an, doch die Melodie bleibt. In Verbindung mit einem absoluten Killerrefrain steckt hier wohl mit der stärkste Song, den Mudvayne je aufgenommen haben. Inhaltlich geht es einerseits um die Bereitschaft zu sterben, als auch ganz persönlich um Chads Großmutter, "...because she is seen as useless and shunned by other family members." Mit "Golden Ratio" hat man erst einmal Zeit zum Luft holen. Interludes wie dieses (vom Stil dem Intro "Monolith" recht ähnlich) tauchen immer wieder auf der CD auf und erhalten zum einen die Atmosphäre und die Homogenität des Albums aufrecht, und zum anderen hat der Hörer hier Zeit, das eben gehörte ersteinmal zu reflektieren.

Ganz langsam blenden sich dann die ersten Töne zu "Cradle" ein. Das ruhige Gitarren-Opening ist nur ein Vorbote, dessen explosive Energie sich dann erst einmal in einer aggressiven Schreiorgie entlädt. Die sehr traurig und sanft gesungenen Strophen wechseln sich mit ausladenem Metal-Liedgut ab und machen den Song mindestens so variabel wie "Internal Primates Forever". Dann ist es Zeit für das Kernstück des Albums, nämlich "Nothing To Gein". Dieses Lied, das mit sich überlagernden Sanges- und Schrei-Passagen aufwartet, beschäftigt sich mit dem US-Serienkiller Ed Gein, der mehrere Menschen tötete und ihre Haut als Masken trug... vor diesem Hintergrund regt der Song sehr zum Nachdenken an. Bei kaum einem anderen Song (höchstens bei "Severed") steigert sich Chad dermaßen in seinen Gesang wie hier.

Nach einer erneuten Unterbrechung durch "Mutatis Mutandis" setzt "Everything And Nothing" den Verlauf fort. Stilistisch wieder mal eine Spur anders, geht es hier wesentlich straighter zur Sache als beim Rest des Albums. Der Song verblässt jedoch bereits mit den ersten Gitarrenklängen von "Severed"... Die Emotionen, die dieses Lied auslöst, nehmen bei mir regelmäßig extreme Formen an. Stimmlich wirft Chad hier absolut alles in die Waagschale und singt einen rätselhaften, aber sehr persönlich Song, der mir immer wieder sehr nahe geht. Bester Song des Albums, bester Song der Band, aber bis heute ein absoluter Geheimtipp. Das mit "Recombinant Resurgence" schon wieder ein Interlude kommt, ist erstmal ärgerlich, aber die beste Möglichkeit sich "Severed" noch einmal richtig durch den Kopf gehen zu lassen (und spätestens jetzt anzufangen zu weinen).

Der Anfangs erwähnte Rückbezug zu "2001: A Space Odyssey" findet mit "Prod" statt. Der Text über die Ansichten des Erzählers über die Menschen erinnert stark an Film-Computer HAL. Der Song ist sehr getragen und stellenweise fast lethargisch, ist aber eines der faszinierndsten Stücke der Platte. "Pharmaecopia", eigentlich der Name eines Buchs über Drogen, handelt genau von diesen Dingen, und Chad zählt wohl so ziemlich alle bewusstseinsverändernden Substanzen auf die man so kennt. Dabei zaubern er und seine Bandmates nochmal einige freakige Melodien aus dem Ärmel. Mit "Under My Skin" schließt sich der Kreis beinahe, denn man kehrt nun doch noch einmal zu den Slipknot'schen Elementen zurück, diesmal fast noch extremer als bei "Dig". Doch wie beim Opener geht auch hier das Konzept auf.

Mit (K)now F(orever) gibt es den ausladensten Track ganz zum Schluss. Sechs Minuten und dreißig Sekunden rollt der Mudvayne-Express in den unterschiedlichsten Tempi und Stimmungen durch den Kopf des Hörers, bevor er sich schließlich mit den synthetischen Klängen eines "Lethal Dosage" aus dem Staub macht. Hier vereinen Mudvayne noch einmal alle Impressionen des Albums zu einem beeindruckenden Ganzen.

"L.D. 50" steht in der Medizin für Substanzen, bei deren Einnahme 50% der Konsumenten sterben. Ich denke, dass kein Titel für diese CD passender hätte sein können. Denn nach dem ersten Durchhören werden sich wohl viele erstmal an der hohen Komplexität der Songs und den ständig wechselnden Strukturen verschlucken. Doch wer diese Barriere überbrückt und sich das Album immer wieder mal anhört, für den wird sich nach einiger Zeit ein Tör öffnen, das ihn verstehen lässt, dass er es hier mit einer der besten CDs aller Zeiten zutun hat.